Die Theater-AG des KuBas begeistert mit Friedrich Dürrenmatts Die Physiker.
Die Frage nach der moralischen Verantwortung der Wissenschaft, wie sie in der Kriminalkomödie des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers Friedrich Dürrenmatt aus dem Jahr 1961 vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs diskutiert wird, könnte in Zeiten von künstlicher Intelligenz im Jahre 2026 nicht aktueller sein. Mit ihrer imposanten Inszenierung des Dramas Die Physiker beeindruckte das Ensemble der Theater-AG des Kurfürst-Balduin Gymnasiums gleich in zwei aufeinanderfolgenden Vorstellungen am 17. und 18. April die zahlreichen Zuschauer und ließ diese an der kritischen Auseinandersetzung in Bezug auf den Umgang mit (prekärem) Wissen sowie der Unberechenbarkeit des Zufalls auf der Bühne teilhaben. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Schulleiter, Herrn Dr. Ingo Schnell, hieß es: Bühne frei, und dem Publikum eröffnete sich der Blick auf den Salon einer, wie Dürrenmatt sie beschreibt, „bequemen, wenn auch etwas verlotterten Villa“ des privaten Sanatoriums „Les Cerisiers“, wobei die Szenerie nicht beklemmender sein könnte. Kriminalinspektorin Ricarda Voß (Lena Reinhardt) und ihr Team, bestehend aus den Polizistinnen Dorli Blocher (Franziska Daeges) und Bethli Guhl (Leona Wetzel) sowie einer Gerichtsmedizinerin (Katharina Hellkamp), müssen erneut in einem Mordfall ermitteln: Tatort: Wieder der Salon des Sanatoriums. Mordopfer: Wieder eine Krankenschwester. Todesursache: Wieder Erdrosselung. Die grotesken Elemente der Kriminalkomödie werden gleich zu Beginn der Inszenierung insofern ersichtlich, als dass der Mörder, Verzeihung, der Täter, offensichtlich schon bekannt ist. Doch genau darin liegt die Raffinesse von Dürrenmatts Stück. Denn hinter dem scheinbar eindeutig geklärten Kriminalfall verbirgt sich weit mehr als die Suche nach einem Mörder. Im Mittelpunkt stehen drei Patienten des Sanatoriums „Les Cerisiers“: Herbert Georg Beutler (Emily Schon), der sich für Isaac Newton hält, Ernst Heinrich Ernesti (Annabelle Kollig), der sich als Albert Einstein ausgibt, und Johann Wilhelm Möbius (Leo Tetzlaff), der behauptet, regelmäßig Erscheinungen des biblischen Königs Salomo (Alisa Knaudt) zu haben. Gemeinsam bilden sie ein skurriles Figurenensemble, dessen Wahnvorstellungen ebenso komisch wie verstörend wirken. Unter der Leitung des Sanatoriumsleiters Heinrich von Zahnd (Felix Tetzlaff) scheint die Situation zunächst unter Kontrolle zu sein. Doch während Kriminalinspektorin Ricarda Voß versucht, die Hintergründe der rätselhaften Mordserie aufzudecken, geraten die vermeintlich verrückten Physiker immer stärker in den Fokus der Ermittlungen. Nach und nach wird deutlich, dass sich hinter ihren Masken weit mehr verbirgt als bloßer Wahnsinn. Die Zuschauer werden Zeugen eines vielschichtigen Versteckspiels aus Täuschung, Geheimhaltung und moralischen Konflikten, bei dem sich die Grenzen zwischen Vernunft und Irrsinn zunehmend auflösen. Besonders eindrucksvoll gelingt es dem Ensemble, die zentrale Frage des Stückes nach der Verantwortung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Bühne zu bringen. Im Zentrum steht Möbius, dessen revolutionäre Entdeckungen das Potenzial besitzen, die Menschheit grundlegend zu verändern – oder zu vernichten. Sein Versuch, dieses Wissen vor dem Missbrauch zu schützen, entwickelt sich zu einem dramatischen Konflikt zwischen persönlicher Freiheit, wissenschaftlichem Fortschritt und ethischer Verantwortung. Gerade dadurch entfaltet Dürrenmatts Drama auch mehr als sechzig Jahre nach seiner Entstehung eine bemerkenswerte Aktualität. Die Theater-AG überzeugt dabei nicht nur durch die souveräne Darstellung der komplexen Figuren, sondern auch durch ihr feines Gespür für die besondere Mischung aus Komik und Tragik, die Dürrenmatts Werk auszeichnet. Besonders die Szene des Wutausbruchs von Möbius, in der er Psalmen des Königs Salomo zitiert, bleibt den Zuschauern aufgrund eindrucksvoller Illuminationen und einer Choreografie, welche die angespannte Stimmung noch unterstreicht, im Gedächtnis. Auch die schrittweise Enthüllung der tatsächlichen Motive der Figuren sowie die überraschende Wendung im Finale, bei der sich der Leiter des Sanatoriums al der wahre Verrückte herausstellt, der die Weltherrschaft an sich reißen möchte, fesseln die Zuschauer bis zum Schluss. So gelingt dem Ensemble unter der Leitung von Julia Pförtner und Stefan Kliemt eine Inszenierung, die weit über eine bloße Wiedergabe des Dramentextes hinausgeht. Vielmehr regt sie dazu an, über die Verantwortung des Einzelnen in einer zunehmend komplexen und technologisierten Welt nachzudenken. Der langanhaltende Applaus am Ende beider Vorstellungen ist daher nicht nur Ausdruck der Anerkennung für die schauspielerische Leistung der Darstellerinnen und Darsteller, sondern auch für eine Produktion, die eindrucksvoll zeigt, weshalb Die Physiker bis heute nichts von ihrer gesellschaftlichen Relevanz verloren haben.






